Im letzten Blogeintrag haben wir geschrieben, dass unsere erste Priorität nach dem Kranen darin liegen sollte, unseren eigenen Rhythmus zu finden, uns auch einmal Tage ohne große Projekte zu erlauben und die Freiheit auszukosten, für die wir so lange gearbeitet hatten.
Rückblickend war uns damals wahrscheinlich noch gar nicht bewusst, wie sehr sich unser Alltag in den darauffolgenden Wochen tatsächlich verändern würde, denn irgendwo zwischen Werkzeugkisten, Katzenfutter, Uni-Prüfungen und den weiterhin ziemlich langen To-do-Listen passierte etwas, worauf wir eigentlich seit Beginn unseres Projekts gewartet hatten: Die Anahita hörte langsam auf, hauptsächlich unser Refit-Projekt zu sein, und wurde immer mehr zu unserem Zuhause.
Ganz so schnell wollten wir die Leinen nach dem Krantermin allerdings noch nicht loswerfen. Zunächst blieben wir einige Zeit an unserem Wasserliegeplatz in der Marina, denn nach über einem Jahr im Trockendock mussten wir unser gesamtes Leben an Bord erst einmal neu organisieren. Während des Refits konnten Werkzeug, Material und Ersatzteile ziemlich unkompliziert unter und neben dem Boot gelagert werden, doch mit der Anahita zurück im Wasser brauchte plötzlich alles einen festen und vor allem seefesten Platz.
Und Werkzeug besitzen wir inzwischen wirklich mehr als genug.
Da im kommenden Winter mit dem Rigg bereits das nächste größere Projekt auf uns wartet, werden wir einen großen Teil davon auch weiterhin an Bord behalten. Also wurde sortiert, umgeräumt, verstaut und gelegentlich darüber diskutiert, ob wir dieses eine ganz bestimmte Ersatzteil wirklich noch brauchen. Meistens lautet die Antwort darauf natürlich: vermutlich schon.
Gleichzeitig gab es für uns noch einen anderen Grund, zunächst in der Marina zu bleiben. Rund um unser Katzenhaus waren gerade mehrere kleine Kitten geboren worden und Antonia wollte weiterhin in ihrer Nähe sein und die Katzenmamas regelmäßig unterstützen. Nach den intensiven Monaten des Refits fühlte es sich ohnehin richtig an, nicht sofort zum nächsten großen Ziel aufzubrechen, sondern unser neues Leben auf dem Wasser erst einmal langsam beginnen zu lassen.
Sommer auf Leros
Kurz darauf bekamen wir Besuch von Alex’ Mama, die einige Wochen mit uns auf Leros verbrachte. Dadurch nahmen wir uns auch wieder mehr Zeit, die Insel gemeinsam zu erkunden, und konnten beobachten, wie sich Leros innerhalb weniger Wochen veränderte. Restaurants und Tavernen wurden voller, immer mehr Boote kamen in die Häfen und Buchten und auf den Straßen begegnete man plötzlich deutlich mehr Mietautos und Rollern. Langsam, aber unübersehbar, begann die Sommersaison.
Parallel dazu stand für Antonia allerdings noch ein weniger sommerliches Programm an: Uni-Prüfungen. Unser Apartment, das wir auf Leros gemietet haben, erwies sich dabei einmal mehr als ziemlich praktisch, denn zwischen Bootsleben, Marina und Katzen ließ es sich dort doch etwas konzentrierter lernen und Prüfungen schreiben.
Nach einer dieser Prüfungen passierte etwas, das unseren Alltag für die nächsten Wochen noch einmal vollkommen verändern sollte.
Auf dem Heimweg entdeckte Antonia am Straßenrand eine Box mit zwei winzigen Katzenbabys. Die beiden waren ungefähr vier Wochen alt, hatten starke Augenprobleme und waren offensichtlich ausgesetzt worden. Weiterzufahren war keine Option, also zogen Nala und Niri kurzerhand bei uns ein.














Was folgte, waren Wochen mit Füttern im Drei-Stunden-Takt, Tierarztbesuchen, Medikamenten, Augentropfen und der ständigen Sorge darum, ob die beiden kleinen Körper es schaffen würden. Trotz aller Bemühungen wurde Nala immer schwächer. Wir haben gemeinsam mit unserer Tierärztin alles versucht, doch am Ende mussten wir sie gehen lassen.
Es fällt uns bis heute schwer, über diese Zeit zu schreiben, denn manchmal reicht selbst all die Hilfe, die man geben kann, einfach nicht aus.
Niri dagegen kämpfte sich durch. Aus dem winzigen Katzenbaby, das wir in einer Box am Straßenrand gefunden hatten, wurde innerhalb weniger Wochen eine neugierige, mutige und zunehmend ziemlich freche kleine Katze. Und auch Aria und Feivel übernahmen dabei wieder eine Rolle, die uns jedes Mal aufs Neue berührt. Wenn neue Fosterkitten bei uns einziehen, brauchen die beiden manchmal einen Tag, um sich an die kleinen Neuankömmlinge zu gewöhnen, doch dann schließen sie sie meist erstaunlich schnell ins Herz.
Bei Niri ging das noch einen Schritt weiter. Aria und Feivel haben sie regelrecht adoptiert, putzen sie, spielen mit ihr, schlafen mit ihr zusammen und behandeln sie inzwischen ein bisschen wie ihr eigenes Baby. Für Niri bedeutete das nach ihrem schwierigen Start nicht nur menschliche Fürsorge, sondern auch zwei Katzen an ihrer Seite, von denen sie lernen und bei denen sie einfach Katze sein konnte.
In wenigen Tagen beginnt nun für Niri das nächste Kapitel. Sie wird gemeinsam mit Antonia nach Deutschland fliegen und dort zu ihrer Adoptionsfamilie ziehen. So sehr wir uns darüber freuen, dass sie ein dauerhaftes Zuhause bekommt, so schwer wird es uns gleichzeitig fallen, sie abzugeben. Fosterstelle zu sein bedeutet wohl auch, genau diesen Widerspruch auszuhalten: Man nimmt ein Tier auf, kümmert sich darum, bis es einem vollkommen selbstverständlich zum eigenen Alltag gehört, und muss es irgendwann trotzdem wieder gehen lassen.
Bis dahin genießen wir jeden Tag mit ihr.
Der erste Törn mit der Anahita
Zwischen all dem gab es aber auch einen ziemlich wichtigen Meilenstein für unser eigentliches Projekt, denn die Anahita sollte endlich zum ersten Mal wieder richtig unterwegs sein.
Gemeinsam mit Alex’ Mama, Mario und Sibylle machten wir einen Tagesausflug nach Kalymnos und damit unseren ersten richtigen Törn nach dem Refit. Natürlich hatten wir uns vorgestellt, dabei endlich die Segel zu setzen und herauszufinden, wie sich die Anahita nach all der Arbeit unter Segeln anfühlt.
Der Wind hatte allerdings andere Pläne.
Von vernünftigem Segelwind war an diesem Tag kaum etwas zu sehen, weshalb aus unserem ersten großen Segeltest vor allem ein ausgiebiger Motortest wurde. Im Nachhinein war aber auch das gar nicht schlecht, denn nach so vielen Arbeiten am Boot ist jede Stunde, in der Motor, Antrieb, Instrumente und die übrigen Systeme unter realen Bedingungen laufen, wertvoll.
Vielleicht passt dieser erste Törn sogar ziemlich gut zu unserem gesamten Projekt. Nicht immer läuft alles genauso, wie wir es vorher geplant haben, aber meistens entsteht trotzdem etwas Gutes daraus.
Und noch einmal Baustelle
Zurück in der Marina widmete sich Alex zunächst einigen kleineren Projekten, wobei „klein“ auf einem Boot bekanntlich ein ziemlich dehnbarer Begriff ist. Unter anderem wurden die alten Toilettenschläuche ausgetauscht, was definitiv zu den weniger glamourösen Seiten des Bootslebens gehört. Über die Jahre hatte sich darin ordentlich Urinstein abgelagert, sodass der Austausch nicht nur sinnvoll, sondern auch längst überfällig war.
Danach folgte ein Projekt, das technisch deutlich unspektakulärer war, für unser Gefühl an Bord aber wahrscheinlich einen der größten Unterschiede des gesamten bisherigen Refits gemacht hat.
Wir strichen den Innenraum weiß.
Was zunächst nach einem relativ einfachen Vorhaben klingt, bedeutete natürlich erst einmal wieder: ausräumen, abkleben, anschleifen, streichen, trocknen lassen und erneut streichen. Weil wir Aria, Feivel und Niri den Farb- und Lösemitteldämpfen nicht aussetzen wollten, zogen wir für diese Zeit gemeinsam ins Apartment und überließen die Anahita für ungefähr eine Woche vollständig der nächsten Baustelle.
Das Ergebnis war es allerdings mehr als wert. Durch die hellen Flächen wirkt der Innenraum deutlich größer, freundlicher und moderner und zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, dass sich nicht nur die Technik und Substanz des Bootes verändert haben, sondern auch der Charakter unseres Zuhauses.
Neben all den Projekten passierte gleichzeitig etwas, das man bei der Planung eines solchen Lebens wahrscheinlich leicht unterschätzt: Aus Bekanntschaften wurden Freundschaften. Wir lernten immer mehr andere Segler kennen, verbrachten gemeinsame Abende beim Essen und tauschten uns über Boote, Routen, Reparaturen und all die anderen Themen aus, über die man sich in einer Marina erstaunlich lange unterhalten kann.
Ganz besonders ins Herz geschlossen haben wir ein junges Schweizer Seglerpärchen von der Lumara. Seitdem gehören gemeinsame Abende und teilweise ziemlich ambitionierte Runden Frantic fest zu unserem Inselleben. Dass die beiden inzwischen ebenfalls regelmäßig beim Katzenhaus vorbeischauen und dort Zeit mit unseren kleinen Schützlingen verbringen, macht die Sache natürlich noch schöner.
Endlich raus aus der Marina
Nachdem die Farbe getrocknet, das Boot wieder eingeräumt und die nächste Baustelle zumindest vorübergehend beendet war, beschlossen wir schließlich, das zu tun, wovon wir seit Monaten gesprochen hatten.
Wir wollten raus aus der Marina und endlich vor Anker leben.
Unser Ziel wurde Xirokampos im Süden von Leros. Dort liegen Mooringblöcke am Grund, an denen wir die Anahita festmachen konnten, und damit begann für uns zum ersten Mal so richtig das Leben, das wir uns während all der Monate im Trockendock vorgestellt hatten.
Inzwischen verbringen wir seit mehreren Wochen unsere Zeit in der Bucht und genießen vor allem eines: Ruhe.
Antonia nutzt jede Gelegenheit, ins Wasser zu springen und nach den Moorings und Leinen zu tauchen, während die Anahita über ihr in der Bucht liegt. Statt morgens auf eine Betonwand oder den nächsten Steg zu schauen, beginnt der Tag mit Wasser rund um das Boot, und statt ständig Menschen direkt neben dem Cockpit vorbeilaufen zu sehen, haben wir wieder ein kleines Stück Raum für uns.
Natürlich bedeutet das nicht, dass unser Alltag plötzlich nur noch aus Schwimmen, SUP und Sonnenuntergängen besteht. Antonia und auch Alex arbeiten weiterhin von Bord aus, was dank der stabilen Internetverbindung überraschend problemlos funktioniert, und unsere Landgänge sind ohnehin fest eingeplant.
Denn zweimal am Tag warten die Katzen am Cathouse auf ihr Frühstück beziehungsweise Abendessen.
Also gehört die Fahrt an Land genauso selbstverständlich zu unserem Tagesablauf wie Kaffee am Morgen oder der Sprung ins Wasser. Unser Leben vor Anker und unser Katzenprojekt lassen sich dadurch erstaunlich gut miteinander verbinden, auch wenn es bedeutet, dass wir aktuell bewusst in der Nähe von Leros bleiben.
Drei Bordkatzen auf Zeit
Auch Captain Feivel und Aria haben sich erstaunlich schnell an das Leben außerhalb der Marina gewöhnt. Das Deck ist inzwischen Spielplatz, Aussichtspunkt und Schlafplatz zugleich, und beide bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit an Bord, bei der wir manchmal selbst vergessen, wie neu dieses Leben eigentlich auch für sie ist.
Mittlerweile trauen sie sich sogar mit auf das SUP. Aria ist dabei etwas experimentierfreudiger, aber selbst Feivel hat sich bereits gemeinsam mit Antonia aufs Board gewagt. Ob aus unseren beiden Bordkatzen irgendwann tatsächlich schwimmende Bordkatzen werden, bleibt abzuwarten. Ausschließen würden wir inzwischen jedenfalls nicht mehr viel.

Niri ist dabei längst nicht mehr einfach nur unser Fosterkitten, sondern aus Sicht von Aria und Feivel offenbar ein vollwertiges Mitglied ihrer kleinen Katzenfamilie. Die drei spielen miteinander, schlafen zusammen und erkunden gemeinsam das Boot, wobei Aria und Feivel erstaunlich fürsorglich mit ihrer kleinen Adoptivschwester umgehen. Je größer Niri wird, desto mutiger erkundet sie die Anahita, und desto deutlicher merkt man, dass dieses Boot und vor allem Aria und Feivel für sie schlicht ihr Zuhause und ihre Familie sind.
Gerade deshalb wird der Abschied in wenigen Tagen vermutlich für uns alle nicht einfach werden. Gleichzeitig wissen wir, dass Fosterarbeit genau dafür da ist. Niri sollte nie dauerhaft bei uns bleiben, sondern die Chance bekommen, gesund zu werden, behütet aufzuwachsen und anschließend ein eigenes Zuhause zu finden. Dass sie nun tatsächlich bald in ihre neue Familie ziehen darf, ist letztlich genau das Happy End, das wir uns für sie gewünscht haben.
Wie autark sind wir eigentlich?
Das Leben vor Anker war für uns gleichzeitig der erste richtige Langzeittest für viele Entscheidungen, die wir während des Refits getroffen haben.
Mit unserem Coppercoat sind wir bisher beispielsweise sehr zufrieden. Der leichte Bewuchs, der sich in den vergangenen Wochen am Unterwasserschiff gebildet hat, lässt sich problemlos entfernen und teilweise bereits mit der Hand abwischen. Gerade wenn man ohnehin regelmäßig schwimmt und taucht, ist es ziemlich praktisch, das Unterwasserschiff zwischendurch direkt kontrollieren zu können.
Ein anderes Thema begleitet uns dagegen weiterhin: unsere Energieversorgung.
Mit dem vorhandenen Solarstrom kommen wir tagsüber für unseren normalen Bordalltag inzwischen einigermaßen gut zurecht. Computer, Internet, Kühlung und die üblichen Verbraucher lassen sich versorgen, bei größeren elektrischen Verbrauchern stoßen wir mit unserer derzeitigen Batteriekapazität allerdings noch schnell an Grenzen.
Unser Induktionskochfeld oder den Elektrobackofen einfach längere Zeit laufen zu lassen, ist aktuell beispielsweise keine besonders gute Idee.
Die logische Konsequenz daraus war in den vergangenen Wochen ausgesprochen simpel: Wir haben sehr viel gegrillt.
Langfristig soll das natürlich anders aussehen, und damit wartet bereits das nächste größere Projekt auf uns. Unsere neuen LiFePO₄-Zellen sind angekommen und wir wollen daraus unsere zukünftige Lithium-Batteriebank selbst aufbauen. Neben den eigentlichen Zellen gehören dazu unter anderem das Batteriemanagementsystem, die entsprechende Verkabelung, Absicherung und die Integration in unser bestehendes Bordnetz.
Das notwendige Material ist inzwischen vollständig da, was man vor allem daran erkennt, dass unsere Vorschiffkabine derzeit weniger wie eine Kabine und mehr wie das Lager eines kleinen Elektrobetriebs aussieht.
Ein kurzer Abschied und das nächste Projekt
In wenigen Tagen wird sich unser Alltag noch einmal verändern, denn Antonia fliegt für vier Wochen nach Deutschland und nimmt Niri mit, die dort anschließend zu ihrer neuen Familie ziehen wird.
Bevor es losgeht, stand deshalb noch einmal eine größere Einkaufsaktion für das Cathouse an. Dank der Spenden, die wir für unser Katzenprojekt bekommen haben, konnten wir zwölf Paletten Nassfutter und rund 20 Kilogramm Trockenfutter besorgen. Damit ist zumindest die Versorgung für die kommende Zeit gesichert.

Während Antonia in Deutschland ist, wird Alex sich gemeinsam mit einem engagierten Freund aus der Marina um die Katzen kümmern. Gleichzeitig geht es für ihn und die Anahita vorerst zurück an den Steg, wo vermutlich das große Lithiumprojekt beginnen wird.
Stillstand wäre schließlich auch wirklich etwas ungewohnt für uns.
Wenn wir heute auf die vergangenen Wochen zurückblicken, merken wir allerdings, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat. Als wir unseren letzten Blogeintrag geschrieben haben, lag die Anahita gerade erst wieder im Wasser und wir haben davon gesprochen, endlich unseren eigenen Rhythmus finden zu wollen.
Vielleicht haben wir genau das inzwischen ein kleines Stück geschafft.
Unser Alltag besteht noch immer aus Werkzeug und Bootsprojekten, aus Arbeit und Studium, aus Dingen, die kaputtgehen, und aus To-do-Listen, die eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzen, sich schneller zu verlängern, als wir sie abarbeiten können. Gleichzeitig besteht er inzwischen aber auch aus morgendlichen Sprüngen ins Meer, Arbeiten mit Blick über eine griechische Bucht, Landgängen zum Katzenfüttern, gemeinsamen Abenden mit neuen Freunden, SUP-Ausflügen mit unseren Katzen und dem Gefühl, abends tatsächlich nach Hause zu kommen, wenn wir mit dem Dinghy zurück zur Anahita fahren.
Es ist noch lange nicht alles fertig, und vermutlich wird es auf einem über vierzig Jahre alten Segelboot diesen Zustand ohnehin niemals wirklich geben.
Aber vielleicht müssen wir darauf auch gar nicht mehr warten.
Denn irgendwann in den vergangenen Wochen haben wir aufgehört, unser Leben auf den Moment zu verschieben, an dem die letzte Arbeit erledigt ist.
Und angefangen, es einfach zu leben.




















Eure Geschichte ist so spannend, interessant und berührend- Danke, dass ich daran teilhaben kann.
Es fühlt sich als Mama einfach nur gut an!🥰🙏🥰