Die Woche vor dem Krantermin hatte ihren ganz eigenen Rhythmus.
Jeden Morgen saßen wir mit einer Tasse Kaffee im Cockpit und gingen gemeinsam durch, was an diesem Tag anstand. Die Tage waren durchgetaktet, denn obwohl wir bereits unzählige Stunden in die Anahita investiert hatten, standen noch immer viele kleine und große Aufgaben auf der Liste. Manche davon wollten wir einfach noch erledigen, andere mussten fertig werden, bevor das Boot wieder ins Wasser durfte.
Für einmal hatte Antonia frei von Arbeit und Studium rückten für ein paar Tage etwas in den Hintergrund. Unser Fokus lag vollständig auf dem Boot.







Zwischen Kabeln, Werkzeugkisten, Ersatzteilen und letzten Handgriffen schafften wir es tatsächlich sogar noch, unsere neuen Logos am Rumpf anzubringen. Eigentlich nur eine Kleinigkeit. Aber nachdem die Anahita so lange im Trockendock gestanden hatte, fühlte es sich an, als würde sie langsam wieder ihr Gesicht zurückbekommen.
In dieser letzten Woche möchten wir uns besonders bei Mario bedanken. Er hat sich viel Zeit für uns genommen, mitgedacht, geholfen und unterstützt. Gerade kurz vor dem Kranen waren das oft die kleinen Hinweise, die zusätzlichen Hände oder einfach die Ruhe und Erfahrung eines Menschen, der schon vieles gesehen hat. Danke dafür.
Einen Tag vor dem großen Termin bekamen wir Besuch: Antonias Eltern kamen nach Leros. Wie so oft wurde aus unserem Bootsprojekt damit ganz schnell ein kleines Familienprojekt. Gemeinsam wurde die Ankerkette gereinigt, das Bugstrahlruder-Panel fertig verkabelt und überall dort geholfen, wo noch etwas zu tun war. Gerade die Verkabelung des Bugstrahlruders wollten wir unbedingt noch abschließen, damit wir es direkt beim ersten Anlegen nutzen konnten.
Und dann war er plötzlich da.
Der Tag, auf den wir seit über einem Jahr hingearbeitet hatten.
Am Abend zuvor waren wir beim mittlerweile traditionellen Sonntags-Souvlaki mit der Segelcommunity. Obwohl wir in guter Gesellschaft waren, kreisten unsere Gedanken immer wieder um den nächsten Morgen. Nach so vielen Monaten Arbeit gingen uns natürlich die üblichen Fragen durch den Kopf: Haben wir wirklich an alles gedacht? Ist alles dicht? Funktioniert alles so, wie wir es uns vorstellen?
Entsprechend kurz fiel die Nacht aus.
Am Morgen des Krantermins war die Nervosität deutlich spürbar. Gleichzeitig fühlte sich der Tag fast unwirklich an. Über Monate hinweg hatten wir die Anahita geschliffen, repariert, zerlegt, neu aufgebaut, geputzt, verkabelt und geplant. Nun sollte sie endlich wieder dorthin zurückkehren, wo ein Boot hingehört.
Besonders schön war die Unterstützung, die wir an diesem Tag erfahren haben. Viele Menschen in der Marina haben mitgefiebert, nachgefragt und Daumen gedrückt. Die Marina-Mitarbeiter, andere Segler und Freunde begleiteten den Tag mit einer Selbstverständlichkeit, die uns sehr berührt hat.
Dann schwebte die Anahita endlich über dem Wasser.
In der Krangasse begann der Moment der Wahrheit. Gemeinsam kontrollierten wir sämtliche Borddurchlässe, Ventile und die Bereiche, an denen wir gearbeitet hatten. Das Ruder war komplett ausgebaut gewesen. Das Bugstrahlruder hatten wir neu installiert. Es gab genügend Stellen, die wir genau im Auge behalten wollten.
Doch alles blieb trocken.
Kein Tropfen Wasser.
Keine feuchte Stelle.
Keine unangenehme Überraschung.
Nach all den Monaten Arbeit war das wahrscheinlich die größte Erleichterung des Tages.
Anschließend übernahm Antonia das Steuer und wir verließen langsam die Krangasse. Vor der Marina drehten wir zunächst ein paar Runden, um wieder ein Gefühl für das Boot zu bekommen und den Motor sowie den Propeller unter Last laufen zu lassen.
Natürlich musste man sich erst wieder einfinden. Ein Langkieler verhält sich anders als viele moderne Boote, die wir bisher gesegelt oder gefahren sind. Aber genau dafür sind die ersten Manöver da: um zu lernen, zu beobachten und Vertrauen aufzubauen.
Das erste Anlegen funktionierte problemlos. Nicht perfekt, aber gut. Und alles andere kommt mit der Zeit.
Als wir schließlich sicher am Steg lagen, fiel die Anspannung der vergangenen Monate langsam von uns ab.
Gemeinsam mit Mario, Sibylle und Antonias Eltern stießen wir auf diesen Moment an.
Natürlich interessierte das unsere vierbeinige Crew mindestens genauso sehr. Feivel und Aria mussten erst einmal verstehen, was sich eigentlich verändert hatte. Nach Monaten im Trockendock befand sich plötzlich Wasser zwischen den Booten und dem Steg.
Gerade bei Feivel waren wir anfangs etwas skeptisch. Im Trockendock war er es gewohnt, überall herumzustreifen und von Boot zu Boot zu klettern. Doch nach kurzer Eingewöhnungszeit nahm er seine gewohnten Streifzüge wieder auf. Er inspizierte Nachbarboote, besuchte die Umgebung und machte deutlich, dass er sich von etwas Wasser unter seinen Pfoten nicht beeindrucken lässt.
Aria folgte seinem Beispiel.
Mittlerweile gehören beide fest zum Leben am Steg. Auch wenn Feivel uns bereits seine erste nächtliche Abwesenheit beschert hat und erst am nächsten Morgen wieder auftauchte. Aber Katzen bleiben eben Katzen. Und genau so soll es auch sein.
Mit dem Umzug ins Wasser hat sich unser Alltag spürbar verändert. Das Leben am Steg fühlt sich anders an als das Leben im Trockendock. Das Boot bewegt sich wieder sanft in den Wellen, neue Nachbarn kommen dazu, Gespräche entstehen ganz selbstverständlich und irgendwie fühlt sich alles ein Stück richtiger an.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Arbeit weniger geworden wäre.
Ganz im Gegenteil.
Kaum lag die Anahita am Steg, ging es mit den nächsten Projekten weiter. Alex hat das Teak gereinigt und geölt, die Logge und den Tiefenmesser angeschlossen, das alte Radar demontiert und Vorbereitungen für das neue System getroffen. Es wurden Fugen gezogen, Holzarbeiten erledigt, das Rigg kontrolliert und zahlreiche kleinere Arbeiten am Bordnetz abgeschlossen.
Bei den Riggkontrollen haben wir zudem einige Dinge entdeckt, die uns in unserer Entscheidung bestärken, den Mast im kommenden Winter zu legen und das Rigg genauer zu überarbeiten.
Außerdem kämpfen wir aktuell noch mit dem elektrischen Furler unserer Genua. Vier unserer fünf Segel sind inzwischen angeschlagen, doch ausgerechnet der Furler-Motor hat es nicht ins Wasser geschafft. Offenbar stand dort über längere Zeit Wasser im Gehäuse, was entsprechende Schäden verursacht hat. Ärgerlich, aber letztlich genau die Art von Problemen, die bei einem Refit dazugehören.




Auch bei der Energieversorgung stehen noch einige größere Projekte an. Unsere Lithiumbatterien sind inzwischen angekommen, müssen aber noch eingebaut werden. Zusätzlich wollen wir die Solaranlage erweitern, um langfristig deutlich unabhängiger zu werden.
Manchmal erwischen wir uns dabei, wie wir am liebsten sofort die Leinen loswerfen würden.
Einfach raus.
Ein paar Wochen segeln.
Ankern in kleinen Buchten.
Nicht ständig auf die nächste To-do-Liste schauen.
Doch noch halten uns einige Projekte am Steg fest.
Und dann ist da natürlich noch das Cathouse.
Auch dort hat sich einiges getan. Das Cathouse musste vor Kurzem umziehen, da der alte Anhänger, unter dem es bisher stand, entfernt wurde. Da sich zu diesem Zeitpunkt mehrere Babykätzchen dort befanden, war das durchaus ein spannender Tag. Am Ende hat aber alles gut funktioniert. Gleichzeitig bekam das Cathouse einige Verbesserungen und zusätzlichen Sonnenschutz, sodass die Katzen jetzt noch besser geschützt sind.
Besonders die Katzenmama mit ihren Jungen liegt Antonia am Herzen. Mehrmals täglich wird sie gefüttert und versorgt, damit sie ihre Kleinen möglichst gut großziehen kann. Das ist auch einer der Gründe, warum wir in den kommenden Wochen wahrscheinlich eher Tagesausflüge oder kurze Übernachtungen in den Buchten rund um Leros unternehmen werden.
Und als wäre das noch nicht genug Katzen-Content für einen Sommer, brachte das Leben noch eine weitere Überraschung mit sich.
Nach einer geschriebenen Uni-Klausur entdeckte Antonia auf dem Heimweg zwei ausgesetzte Babykätzchen in einer Box am Straßenrand. Etwa vier Wochen alt, beide mit starken Augenproblemen.
Natürlich konnten wir nicht einfach weitergehen.
Inzwischen wohnen die beiden an Bord, werden alle paar Stunden gefüttert und tierärztlich versorgt. Aria und Feivel waren zunächst nicht ganz überzeugt von den neuen Mitbewohnern, haben sich aber inzwischen mit der Situation arrangiert.
So sieht unser Alltag momentan aus.
Zwischen Bootsprojekten, Studium, Arbeit, Katzen, Werkzeug, To-do-Listen und dem Wunsch, endlich die Segel zu setzen.
Manchmal wächst uns das alles ein wenig über den Kopf. Manchmal fragen wir uns, ob wir nicht doch zu viele Projekte gleichzeitig angenommen haben.
Und dann sitzen wir abends im Cockpit, schauen aufs Wasser, spüren die Bewegung des Bootes unter uns und merken: Genau dafür haben wir all das gemacht. Und alles kommt so, wie es kommt und wir haben als erste Priorität unseren Rhythmus zu finden und auch mal Tage ohne viel Arbeit haben zu können und die Freiheit, die wir hier haben, auch mal auskosten zu können.
Die Anahita ist wieder dort, wo sie hingehört.






























