Von Schicksalskatzen und Streichhelden

Der Oktober auf Leros begann eigentlich ruhig. Die Saison ging zu Ende, und die Marina wurde nach und nach leerer, auch wenn es zunĂ€chst noch lebhaft zuging, weil fast tĂ€glich Boote gekrant und an Land gestellt wurden. Zwischen MaschinenlĂ€rm, Werkstattschritten und unserem Alltag an Bord versuchten wir, unseren eigenen Rhythmus zu finden. Und noch bevor der Monat richtig in Gang kam, passierte etwas Unerwartetes: Ein kleines KĂ€tzchen verirrte sich in die Marina – und damit auch in unser Leben.

Mario von der Nessaja wurde eines Morgens darauf aufmerksam gemacht, dass aus dem Motorraum eines Autos ein verzweifeltes Miauen kam. Einige versuchten bereits, zwischen Reifen und Verkleidung hindurchzugreifen, aber ohne Erfolg. Mario fand schließlich einen Weg, das kleine KĂ€tzchen vorsichtig herauszuholen, und als er mit der Transportbox an der Anahita vorbeiging, sah Alex das dĂŒnne, zitternde FellbĂŒndel. Wir brauchten keine langen GesprĂ€che. Sie war vielleicht sieben Wochen alt, hungrig, geschwĂ€cht und eindeutig liebesbedĂŒrftig. So kam Aria zu uns – unser kleines SchicksalskĂ€tzchen, plötzlich mitten in unserem Alltag aus Schleifstaub, Werkzeug und Refit-Chaos. Sie brauchte WĂ€rme, Medikamente, kleine Mahlzeiten in kurzen AbstĂ€nden und NĂ€he. Feivel schien sich schneller mit dem Gedanken anzufreunden als wir mit der Tatsache, jetzt zwei Katzen an Bord zu haben.

WĂ€hrend Aria sich langsam erholte, ging es fĂŒr uns am Rumpf weiter. Die Tage verschwammen zwischen Undichten Stellen im Team, Epoxy-Filler und dem Versuch, jede kleine Unebenheit auszumerzen. Der Filler wurde unser bester Freund und gleichzeitig der Grund fĂŒr einige der schönsten „Warum tun wir uns das an“-Blicke, die wir uns je zugeworfen haben. Alex arbeitete dabei mit einer Genauigkeit, die einem Bootsbauer Ehre gemacht hĂ€tte, und ich begann langsam zu verstehen, warum man beim Refit nie den Satz „Wir sind fast fertig“ sagen sollte. Das Wetter tat sein Übriges und erinnerte uns tĂ€glich daran, dass der Herbst kein verlĂ€sslicher Partner ist.

Zwischendurch wurde die Marina zwar insgesamt leerer, doch durch die stetigen Kranaktionen herrschte weiterhin Bewegung. Erst nach und nach, als die letzten Boote an Land standen und nochmal ein Schwung an Crews die Insel verlassen hat, kehrte spĂŒrbar Ruhe ein. Übrig blieb eine kleine Wintergemeinschaft: Ben und Caetlin, Mario und Sybille von der Nessaja, eine deutsche Familie und wir zwei mit unserem mittlerweile zweiköpfigen Bordpersonal auf vier Pfoten (wobei sich hier sicher subjektiv beurteilen lĂ€sst, wer das Personal ist). In dieser neuen, ruhigeren AtmosphĂ€re entwickelten sich fĂŒrsorgliche Gewohnheiten. Alex kaufte mir eine Angel, und so verbrachten wir viele Abende am Steg. Manchmal mit Ben und Caetlin, manchmal zu zweit, manchmal mit leichten Grundsatzdiskussionen darĂŒber, ob wir ĂŒberhaupt fischtechnisch talentiert sind. Der nautische Ehrgeiz war jedenfalls vorhanden, vor allem Alex macht sich wirklich gut beim Fischen und unsere neu installierte Freezer-Box ist schon fast voll mit seinem Fang.

Parallel dazu beschĂ€ftigten wir uns mit einer weiteren grundlegenden Entscheidung an Bord: unserer zukĂŒnftigen KĂŒche. Nach einigen Tests und einem leicht nervenaufreibenden Moment mit einer undichten Stelle am Petroleumtank war klar, dass der Backofen aus den 80ern seine beste Zeit hinter sich hatte. Wir beschlossen, auf einen elektrischen Ofen umzusteigen und wĂ€hlten den BIG OVEN AF, der kĂŒnftig unser Kochleben erleichtern soll. Neue Batterien stehen ebenfalls an, damit das Ganze am Ende nicht nur stilvoll, sondern auch praktikabel ist.

Ein schöner Lichtblick inmitten all der Arbeit war der Besuch von Alex‘ Mama Hanna und James. Die beiden unterstĂŒtzten uns eine Woche lang und halfen entscheidend dabei, alle vier Schichten Epoxid-Primer auf den Rumpf zu bringen. Es tat gut, nicht nur zusĂ€tzliche HĂ€nde an Bord zu haben, sondern auch vertraute Menschen, die sich fĂŒr die Entwicklung der Anahita genauso begeistern konnten wie wir.

Nach dem Primer kam die Wartezeit. Coppercoat benötigt bestimmte Bedingungen, und diese Bedingungen hielten sich zunÀchst bedeckt. Zumindest so lange, bis wir eines Morgens aufwachten und alles passte. Plötzlich war er da, der Tag, an dem sich Wetter, Luftfeuchtigkeit und Temperaturen einig waren. Von dort an lief alles wie in einem ruhigen, konzentrierten Rhythmus. Anschleifen, frische Primerschicht, eine Nacht warten und am nÀchsten Morgen das gesamte Team mobilisieren.

Ben, Caetlin und Mario standen mit uns unter dem Boot und halfen, die Coppercoat-Schichten nass-in-nass aufzubringen. Mario mischte unermĂŒdlich, wĂ€hrend wir rollten, und am Ende des Tages waren sechs Schichten geschafft. Wir sanken mĂŒde, aber zufrieden ins Cockpit, teilten Pizza und den Gedanken, dass das ein bedeutender Moment fĂŒr die Anahita war. Das grĂ¶ĂŸte Jahresziel war erreicht. Nun fehlen nur noch die Patches unter den StĂŒtzen und die Arbeiten am Ruder.

Die Novembertage gehen schließlich in eine ruhigere Phase ĂŒber und wir merkten einmal mehr, wie wertvoll die UnterstĂŒtzung unserer Freunde hier ist. Parallel dazu hielt auf Leros langsam die Weihnachtszeit Einzug. In den GeschĂ€ften stehen erste geschmĂŒckte BĂ€ume, was bei milden Temperaturen noch ungewohnt wirkt. WĂ€hrend Feivel und Aria sich auf ihren Bordalltag einlassen, arbeiten Alex und ich uns weiter StĂŒck fĂŒr StĂŒck durch die Feinarbeiten an der Anahita.

2 Comments

  1. Wieder ein so besonderer Text- macht mich stolz als Mama und fĂŒhrt dazu, dazu die Sehnsucht nach Euch Allen noch grĂ¶ĂŸer wird. Und das letzte Bild im Kupferabendsonnenlicht lĂ€sst Eure harte Arbeit aufs Feinste erstrahlen
 soooo toll!!!!

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